Pflegenotstand: Ein Einblick in den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal

Der Pflegenotstand ist ein Thema, das in der jüngsten Vergangenheit immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Er betrifft uns alle, ob direkt oder indirekt, und die Auswirkungen sind sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene spürbar. In diesem Artikel gehen wir der Pflegekrise auf den Grund und beleuchten die verschiedenen Aspekte dieses komplexen Themas.

Die Realität des Pflegenotstands

Der Pflegenotstand ist eine ernstzunehmende Herausforderung, dem sich das Gesundheitssystem stellen muss. Er ist geprägt von einem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal, der sich in den letzten Jahren stetig verschärft hat. Die Folgen sind eine überlastete Belegschaft und eine eingeschränkte Patientenversorgung.

In unserer Umfrage, die wir gemeinsam mit dem Pflegemarkt Report durchgeführt haben, gaben 54 % der Führungskräfte in Krankenhäusern und Kliniken an, dass der Fachkräftemangel die größte Herausforderung darstellt.

Bis 2030 ist ein Zuwachs von 300.000 Pflegefachkräften erforderlich

Die aktuelle Personalknappheit wird durch verschiedene Statistiken deutlich unterstrichen. Um eine angemessene Versorgung zu gewährleisten, geht die Gewerkschaft ver.di von einem sofortigen Bedarf von zusätzlich 110.000 Pflegefachkräften aus. Schätzungen zufolge wird bis zum Jahr 2030 sogar ein Anstieg des Bedarfs um 300.000 Stellen erwartet.

Die Entwicklung der Personalsituation spiegelt die demografischen Veränderungen unserer Gesellschaft wider und wird sich in naher Zukunft voraussichtlich nicht abschwächen.

Überlastung des Pflegepersonals

Zur Bewältigung des Personalmangels in der Pflegebranche müssen die derzeit etwa 1,7 Millionen Beschäftigten oft unter schwierigen Bedingungen Überstunden leisten. Dies führt zu hoher Arbeitsbelastung, Zeitdruck und zusätzlichen Arbeitsstunden. Auch Schichtarbeit an Wochenenden und Feiertagen ist üblich. Sowohl die Qualität der Pflege als auch die Gesundheit der Pflegekräfte sind dadurch beeinträchtigt.

Die Lage in der Altenpflege sowie im ambulanten Sektor, ist bereits heute besonders prekär.

Einschränkungen in der Patientenversorgung

Durch den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal kommt es zu Einschränkungen in der Patientenversorgung. Lange Wartezeiten, eingeschränkte Betreuungszeiten und eine geringere Qualität der Pflege sind nur einige der negativen Auswirkungen.

Ursachen für den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal

Es gibt eine Vielzahl von Gründen für den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal. Es überrascht nicht, dass in Deutschland ein Mangel an Pflegefachkräften besteht. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung sind im Vergleich zu anderen Ländern unterdurchschnittlich. Die hohe emotionale und psychische Belastung hält viele junge Arbeitskräfte davon ab, in diesem Bereich zu arbeiten. Oft entscheiden sich qualifizierte Fachkräfte langfristig für einen Wechsel in einen anderen Berufssektor.

Wir haben einige der wichtigsten Ursachen für den Personalmangel in der Pflege betrachtet:

Unattraktive Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind oft unattraktiv. Lange Arbeitszeiten, Schichtdienst, hoher Stress und eine hohe körperliche Belastung sind nur einige der Faktoren, die die Arbeit in der Pflege unattraktiv machen.

Geringe Bezahlung

Die Bezahlung in der Pflege wird im Vergleich zu anderen Berufen oft als zu gering wahrgenommen. Dies führt dazu, dass viele qualifizierte Pflegekräfte den Beruf verlassen oder gar nicht erst in der Pflege arbeiten wollen.

Zu wenig Auszubildende in der Pflege

Es gibt nicht genügend junge Menschen, die sich für eine Ausbildung in der Pflege entscheiden. Dies liegt zum Teil an dem negativen Image des Berufs und den schwierigen Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus ist die Ausbildung selbst oft anspruchsvoll und zeitaufwendig, was potenzielle Bewerber abschrecken kann. Viele Krankenhäuser haben keine klare Strategie, um die Gen Z für die Pflegeausbildung zu gewinnen.

Die neu ausgebildeten Kräfte werden nicht ausreichen, um den durch das Ausscheiden der älteren Arbeitnehmer entstehenden Bedarf zu decken. Aufgrund besserer Bezahlung und geregelterer Arbeitszeiten in anderen Sektoren verlassen zudem viele Pflegekräfte frühzeitig diesen Berufszweig.

Ohne passende Maßnahmen wird der Mangel an Pflegepersonal in den kommenden Jahren deutlich ansteigen.

Hohe Abbruchrate in der Pflegeausbildung

Die Ausbildung in der Pflege ist anspruchsvoll und oft mit hohen Belastungen verbunden. Dies führt dazu, dass viele Auszubildende die Ausbildung abbrechen.

Der „Ausbildungsreport Pflegeberufe“ von ver.di, an dem über 3.000 Ausbildende und Studierende teilgenommen haben, gibt Aufschluss über die Ursachen für den Abbruch der Ausbildung. Weniger als die Hälfte der Umfrageteilnehmer sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Die drei Hauptgründe für diese Unzufriedenheit sind zu hoher Zeitdruck (62 %), schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (48 %) sowie das Fehlen von Pausen (43 %).

Zudem geben 43 % der Auszubildenden an, dass sie selten oder nie von ihren Praxisanleitern in ihre beruflichen Aufgaben eingeführt werden, was ein ernstes Warnsignal für den Pflegebereich darstellen sollte.

Demografischer Wandel trifft Pflege besonders hart

Der demografische Wandel führt dazu, dass immer mehr Menschen pflegebedürftig werden, während gleichzeitig immer weniger junge Menschen in den Pflegeberuf einsteigen. Dies verschärft den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal.

Die Herausforderung wird noch größer dadurch, dass ältere Pflegekräfte häufig ihren Beruf nicht bis ins hohe Alter ausüben. Viele verlassen ihren Arbeitsbereich oder gehen spätestens mit 60 Jahren in den Ruhestand, oft wegen der starken Belastung am Arbeitsplatz.

Die physische Beanspruchung in der Pflegebranche ist erheblich, wie eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin aufzeigt. Insbesondere in der Alten- und Krankenpflege berichten 85% bzw. 81% der Teilnehmenden über Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems.

Daher wird die bereits angespannte Lage in vielen Krankenstationen in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich noch schwieriger werden.

Hoher Krankenstand in Pflegeberufen

Der erhöhte Krankheitsstand im Pflegesektor ist ein Teufelskreis: Wenn Personal ausfällt, müssen andere Mitarbeiter einspringen, was zu zusätzlicher Belastung führt und auf Dauer Überlastungssymptome verursachen kann.

Der “Gesundheitsreport 2019” der Techniker Krankenkasse zeigt, dass Pflegefachkräfte in der Alten- und Krankenpflege durchschnittlich 23 Tage pro Jahr krankgemeldet sind, was 8 Tage mehr als der allgemeine Durchschnitt ist. Dies wird auf die anspruchsvollen Arbeitsbedingungen zurückgeführt. 

Auswirkungen des Mangels an qualifiziertem Pflegepersonal

Der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal hat eine Vielzahl von Auswirkungen. Einige der wichtigsten sind:

Sinkende Qualität der Pflege

Durch den Mangel an Pflegepersonal kann die Qualität der Pflege leiden. Es bleibt weniger Zeit für jeden einzelnen Patienten, und die Pflegekräfte sind oft überlastet. Dies kann zu Fehlern und einer schlechteren Versorgung der Patienten führen.

Hohe Belastung der Pflegekräfte

Die Pflegekräfte, die noch im Beruf sind, sind oft stark überlastet. Sie müssen mehr Patienten versorgen und haben oft weniger Zeit für jeden einzelnen. Dies führt zu Stress und kann gesundheitliche Probleme verursachen.

Höhere Kosten und Schließungen

Der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal kann auch zu höheren Kosten führen. Wenn es an Pflegekräften fehlt, müssen oft teurere Leiharbeiter eingesetzt oder zusätzliches Personal aus dem Ausland angeworben werden.

Personalmangel in Krankenhäusern und Pflegeheimen führt nicht nur zu betrieblichen, sondern auch zu finanziellen Schwierigkeiten für die Betreiber. Dies zeigt sich in nicht voll ausgelasteten Abteilungen oder Operationssälen, die aufgrund des Mangels an qualifiziertem Pflegepersonal ungenutzt bleiben, oder sogar geschlossen werden müssen. Einige Kliniken stehen aufgrund des Personalmangels vor dem Aus.

Lösungsansätze für den Pflegenotstand

Es gibt verschiedene Ansätze, um den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal zu beheben und den Pflegenotsand zu lösen:

Personalgewinnung und -bindung verbessern

In der sich schnell entwickelnden und stark umkämpften Gesundheitsbranche stehen Krankenhäuser und Kliniken vor der Herausforderung, im Wettbewerb um Pflegekräfte herauszustechen.

Als Personalberatungsfirma hatten wir die Gelegenheit, über 100 Krankenhäuser und Kliniken zu analysieren. Wir haben ihre Angebote, ihren Ruf auf dem Markt, ihr Gesamterscheinungsbild und ihre betrieblichen Abläufe genau untersucht. Diese Analyse hat uns wertvolle Einblicke in die Gesundheitsbranche und ihre verschiedenen Dynamiken verschafft. Viele Häuser haben hier Nachholbedarf. Dabei besteht für viele Einrichtungen das Potenzial, sich effektiv in diesem zunehmend umkämpften Markt zu behaupten, vorausgesetzt, sie setzen die richtigen Strategien um.

Eine solche Strategie ist die Implementierung eines modernen, innovativen Ansatzes für die Personalgewinnung. Dieser Ansatz sollte effektive Maßnahmen und schlankere Prozesse integrieren, die einen starken Fokus auf den Bewerber legen.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die eingesetzt werden können, um die Mitarbeiterbindung in der Pflege zu verbessern.

Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Lösung des Pflegekräftemangels ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege. Dies kann beispielsweise durch eine Reduzierung der Arbeitszeiten, eine bessere Work-Life-Balance und eine Verbesserung der Arbeitsumgebung erreicht werden.

Erhöhung der Bezahlung

Eine weitere wichtige Maßnahme ist die Erhöhung der Bezahlung in der Pflege. Durch eine bessere Bezahlung wird der Beruf attraktiver und es wird leichter, qualifiziertes Personal zu gewinnen und zu halten.

Ausbildungsoffensive

Um den Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal zu beheben, ist es notwendig, mehr junge Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern und sie für eine Ausbildung in der Pflege zu gewinnen. Hierzu sind eine Ausbildungsoffensive und eine Verbesserung der Ausbildungsbedingungen notwendig.

Nutzung von Innovation und Digitalisierung

Auch die Nutzung von Innovation und Digitalisierung kann dazu beitragen, die Pflegekrise zu lösen. Durch den Einsatz von Technologie kann die Arbeit der Pflegekräfte erleichtert und die Pflegequalität verbessert werden.

Ruf der Pflege verbessern

Es ist unerlässlich, den Ruf der Pflege zu verbessern und die Wertschätzung für Pflegekräfte zu steigern, insbesondere nach den Herausforderungen, die die Corona-Pandemie mit sich gebracht hat.

Eine positive Darstellung des Pflegeberufs in den Medien, eine stärkere Anerkennung der Leistungen von Pflegekräften in der Gesellschaft und eine bessere Unterstützung von Pflegekräften in ihrer täglichen Arbeit können dazu beitragen, den Beruf attraktiver zu machen und mehr Menschen für eine Karriere in der Pflege zu gewinnen. Darüber hinaus könnten gezielte Kampagnen, die die Vielfalt und die Bedeutung der Pflege hervorheben, dazu beitragen, das Image der Pflege zu verbessern und den Beruf attraktiver zu machen.

Pflegekräfte durch andere Berufsgruppen entlasten

Laut einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts könnten zahlreiche Aufgaben, die aktuell von Pflegepersonal in Krankenhäusern wahrgenommen werden, ohne Qualitätsverluste von anderen Berufsgruppen übernommen werden. 

Es ist möglich, bestimmte pflegerische Tätigkeiten an andere Berufsgruppen zu übertragen, ohne dass die Versorgungsqualität sinkt. Zum Beispiel könnten Verwaltungsaufgaben, die momentan vom Pflegepersonal erledigt werden, an entsprechend ausgebildetes Personal weitergegeben werden. Dies würde es den Pflegekräften erlauben, sich mehr auf ihre Hauptaufgaben – die unmittelbare Betreuung und Versorgung der Patienten – zu konzentrieren.

Fazit: Pflegenotstand in Deutschland

Um die Herausforderung Pflegenotstand zu bewältigen, sind umfangreiche Maßnahmen notwendig. Dabei ist es wichtig, sowohl die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in der Pflege zu verbessern, als auch mehr junge Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern und die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen.

Personalverantwortliche in Krankenhäusern und Kliniken müssen jetzt handeln. Trotz der negativen Prognose besteht die Chance, durch exzellentes Recruiting und Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung, die Situation der eigenen Einrichtung zu verbessern.

Gerne bieten wir Ihnen einen erfahrenen Blick von außen, zeigen auf, wie potenzielle Bewerber Sie wahrnehmen und wo noch ungenutzte Potenziale warten.

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